Auf dem Jakobsweg durch Frankreich 2021

«Ich bin dann mal weg» – auf dem französischen Jakobsweg «Via Podiensis»

Nach der Frühmesse mit Pilgersegen in Le Puy-en-Velay machte ich mich am Morgen des 2. Oktober 2021 auf den Weg – hinaus aus der Kathedrale Notre-Dame, hinunter in die Stadt, weiter über den Markt hinauf zur «Via Podiensis» – auf den Spuren der Pilger, die seit über 1000 Jahren von hier nach Santiago de Compostela gepilgert waren. Zwei Wochen mit ganz verschiedenen Landschaften, unterschiedlichem Wetter, meditativer Ruhe und fröhlichem Lachen, bereichernden Begegnungen und satten, intensiven Herbstfarben lagen vor mir.

In der ersten Woche führte mich der Jakobsweg vor allem durch die kargen, unwirtlichen Hochebenen der «Margeride» und des «Aubrac», auf denen meist ein kühler Wind bläst. Auch meine Regenausrüstung kam dort zum Einsatz. Der Aubrac ist die am wenigsten besiedelte Gegend von ganz Frankreich. In der zweiten Woche durchstreifte ich das tiefer gelegene Tal des Flusses «Lot», an dem sogar Weintrauben gedeihen. Hier war es selbst im Oktober noch angenehm sonnig und warm.

An die Übernachtung in den einfachen Pilgerherbergen – mit Mehrbettzimmern und stets reichhaltigem, drei- bis viergängigem Abendessen – hatte ich mich bald gewöhnt. Besonders schätzte ich den Austausch mit den meist französischen Pilgerinnen und Pilgern: Von der Lehrerin über den Ingenieur, die Journalistin, den Biologen, die Studentin der Sozialarbeit, den pensioniertem Berufs-Offizier bis hin zur frisch gebackenen Juristin und zur jungen Kommunikationsfachfrau war alles dabei. Entsprechend breit gefächert waren die Themen, über die wir uns beim Abendessen unterhielten. Besonders gefragt waren natürlich auch praktische Tipps zur nächsten Weg-Etappe und zur Vorbeugung/Behandlung von Blasen oder zur Schmerzlinderung am Knie, Bein oder Rücken… Die Stimmung war jedoch immer gut und es wurde viel gelacht. Anders als im normalen Alltag war die Corona-Pandemie überhaupt kein Thema. Eine Pilgerin meinte augenzwinkernd, der Virus sei unterdessen wohl verschwunden… Auch die herzliche Gastfreundschaft unserer Gastgeber/innen in den Pilgerherbergen beeindruckte mich sehr: Meistens verbrachten sie den ganzen Abend mit uns zusammen und erzählten uns einiges aus ihrem Leben und ihrer Heimat.

Nach zwei bereichernden Wochen kam ich am 15. Oktober 2021 in Conques an – einer riesigen, romanischen Benediktinerabtei, in der schon seit über hundert Jahren Prämonstratenser leben, die Pilger/innen beherbergen. Deshalb ist der Wallfahrtsort Conques (zu Deutsch: «Muschel») bis heute ein wichtiges Etappenziel auf dem Jakobsweg. In Conques begegnen sich Pilgerinnen, Wanderer, Kursteilnehmende, Prämonstratenser-Patres und ihre freiwilligen Mitarbeitenden, Geschäftsleute, Touristinnen und Gastwirte, Geschichte und Gegenwart in einer rund 1000-jährigen Umgebung. – Ein besonderes Erlebnis – ganz im Sinne des mittelalterlichen, lateinischen Pilgergrusses: «Ultreia et suseia!» – «Immer weiter und höher!» – Weiter auf dem Weg und höher zu Gott. – Man könnte auch sagen: «Immer tiefer und verbundener.» Denn Tiefe und Verbundenheit zeichnen den Jakobsweg aus: Je tiefer sich die Pilger/innen auf die Weg-Erfahrung einlassen, desto verbundener sind sie mit sich selbst, den anderen Pilgern und Gott. Und das gilt nicht nur für den Jakobs-, sondern auch für den Lebensweg.

Martina Gassert

Ein paar Impressionen meiner persönlichen Jakobsweg-Erfahrungen finden Sie hier…

Weiterführende Information zur Via Podiensis:
https://www.lepuyenvelay-tourisme.fr/saint-jacques-et-grands-itineraires/en-route-pour-saint-jacques/du-puy-en-velay-a-conques/